30.05.2013 PM Doping-Opfer-Hilfe

Offener Brief an Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, verehrte Frau Dr. Angela Merkel,

der organisierte Sport im Land, allen voran der deutsche Fußball, feiert in diesen Tagen große Erfolge, und die Politik hat, wie man sehen konnte, größte Freude daran. Nichts gegen ein Millionenspektakel, wenn nicht zeitgleich außerhalb allen Jubels ein Drama liefe, für das Sport und Politik gleichermaßen die Verantwortung tragen. Die Rede ist vom Drama der sterbenden Athleten in diesem Land.

Am 11. Mai 2013 die 400 Meter Weltmeisterin starb Helga Arendt aus Köln mit 49 Jahren an Brustkrebs. Sie starb leise. Es brauchte fast zwei Wochen, bis ihr konkretes Todesdatum bekannt wurde. Dabei war ihr tragischer Tod nicht der erste aus der Generation der steroidgeschädigten Athleten. Als 1987 die 26-jährige Mainzer Siebenkämpferin Birgit Dressel nach einer Medikamenten-Überdosis einen grauenvollen Tod starb, wurde dieser Schock noch zum Schock einer Gesellschaft. Die aufgeklärte Bundesrepublik war über Nacht bereit, über Sinn und Unsinn des Hochleistungssports zu debattieren. Ja, weit mehr: Körper- und Gesellschaftsbilder wurden abgeklopft. Das Ideal des allzeit leistungsfähigen Athleten am Beispiel der Kämpferin in der Königs-Disziplin der Königs-Sportart Leichtathletik so plötzlich tot? Hatte man da nicht etwas Entscheidendes übersehen?

26 Jahre später ist die Todesliste der einstmaligen Sportstars lang. Zeitgleich zum Tod von Helga Arendt verstarb 52-jährig eine ehemalige Eisschnellläuferin des SC Dynamo Berlin an einem Hirntumor, noch in derselben Woche eine 48 Jahre junge Athletin in Schwerin. Die Sportgeschichten in Ost und West scheinen sich in den Momenten des Todes anzugleichen. Denn an diesem bitteren Punkt wird es faktisch, wenn auch nicht politisch, egal, ob Tödliches durch den perfiden Irrsinn eines westdeutschen Hochdopers wie Heinz-Jochen Spilker, Trainer von Helga Arendt und langjährigem Bundestrainer, verursacht wurde oder durch ein DDR-Zwangsdoping, das in zehntausenden jungen Körpern die Chemie-Diktatur errichtete. Tot ist tot.

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, seit spätestens 26 Jahren, seit dem Tod von Birgit Dressel, wissen wir alles, was nötig ist, um einen Sport aufzubauen, der sich seiner schweren Hypotheken bewusst ist und schon deshalb alles unternimmt, um die Talente, die ihm anvertraut wurden, maximal zu schützen. Doch unter dem Label des vereinten Sports haben sich die Risiken im Unternehmen Elitesport eher verschärft, als dass seine Belastungen abgebaut wurden: Aus dem politischen Zwangsdoping im Osten ist ein fein austarierter Systemzwang geworden, belastetes Personal aus Ost und West bleibt trotz Kritik im Amt, die Nationale Antidopingagentur ist komplett erodiert, vom Bundesinnenminister geförderte Forschung zum Doping West endet im Desaster, die Mehrheit der Medien frönt ihrer Indolenz, das Publikum bleibt uninformiert.

Und die Politik? Es ist eine lange Geschichte um die gefährliche Nähe zwischen Sportprominenz, Funktionären und Politik. Der Jubel in den Stadien dient allen, die zum Bild gehören. Unmittelbar vor dem Endspiel zwischen FC Bayern und Borussia Dortmund im Wembley-Stadion sagten Sie, verehrte Frau Bundeskanzlerin, im ZDF, dass der Sport nicht missbraucht werden dürfe. Tage später wiesen Sie auf der Weltsportministerkonferenz in Berlin Korruption, Wettspielbetrug und Doping in die Schranken. Dabei müsse eine internationale Lösung gefunden werden, verlautbarten Sie. Schon richtig. Auch global steckt der Sport in der Krise.

Doch die Frage, was für einen Sport eine Gesellschaft will, und welchen Preis sie bereit ist, dafür zu zahlen, muss auf nationaler Ebene beantwortet werden. Diese Antwort kann nicht weiter verschoben werden, sie würde nur weitere Leben kosten. Denn der Sport in unserem Land weist eine Schadensbilanz auf, die durch nichts mehr gedeckt ist. Und sie wächst chronisch. Die Nachgeschichten des Sports sind all zu oft bitter und alarmierend. Die Gesellschaft jedoch nimmt sie – so sie überhaupt davon erfährt – nur noch achselzuckend zur Kenntnis genommen. Das kann nicht angehen.

Ein Wegmoderieren der ausgemachten Dopingkrise im Land sowie der Kollateralschäden im Effizienzkartell Sport, verehrte Frau Bundeskanzlerin, ist nicht mehr hinnehmbar, unter gar keinen Umständen. Was es akut braucht, ist Glaubwürdigkeit und Entschiedenheit, auch von Ihnen. Der Sport in diesem Land ist überfordert, er braucht ein neues Modell. Die zunehmende Zahl seiner Opfer aber braucht endlich konkrete Hilfe. Sie sind mit ihren enteigneten Körpern allein.

Mit freundlichen Grüßen

Die Mitglieder der Doping-Opfer-Hilfe e.V.
Prof. Ines Geipel, Vorsitzende

30. Mai 2013

doping—opfer—hilfe e.V.
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