Ute Krieger-Krause

Ich bin quer zur Bahn geschwommen …

Ute Krieger-Krause

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Ute Winter ist ein Jahr nach dem Mauerbau geboren. Mit fünf Jahren lernt sie im Barlebener See schwimmen.(Das ist 1967, die SED beschließt die Fünf-Tage-Woche, die Beatles bringen St’ Peppers heraus.)

1973 wird Ute auf die Kinder-und Jugendschule Magdeburg aufgenommen. Ein langgehegter Wunsch. Schwimmen ist schön, die pure Harmonie mit sich und dem Wasser.

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Ab sieben Uhr früh schwimmt sie endlose Bahnen. „Du wirst Olympiasiegerin!“
Dann – Ute Winter ist elf – stehen die Becher mit den „Vitamin“-Tabletten am Beckenrand.
„Ich spürte die Blicke der Trainer, wenn wir sie schluckten.“
Dabei ständiges Antreiben.

„Ihr sollt nicht denken, ihr sollt schwimmen!“
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Sie wird immer besser, Erfolge winken. Die Trainer treiben. Mit 14 Jahren, 1976, gehört sie dem Kaderkreis II an, ihre Trainingsgruppe besteht jetzt nur noch aus 4 Mädchen. 1977 wird sie in den Olympiakader berufen.
Jetzt finden sich neben den bekannten Pillen neue blaue, der Trainingsaufbau wird mit dem Anabolikum Oral-Turinabol unterstützt. Über 100 und 200 Meter Rücken gehört sie nun zu den zehn Besten der Welt. Ihre Muskeln wachsen, Schultern, Arme, Hals werden mächtiger.
Ute wird ihr eigener Körper fremd. Sie beginnt zu hungern, doch statt abzunehmen, nimmt sie weiter zu.

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Trainingslager in Lindow. Harte schier endlosen Trainingseinheiten, fünfmal sechs bis acht Kilometer, fünfmal zwei Stunden hintereinander.
Für Ute Krause wird es unerträglich. Die 16 Jährige macht Schluss, endgültig.
Die Olympischen Spiele locken nicht mehr.

Ich bin einfach quer zur Bahn geschwommen …

 

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„In mir war nur Stille“ Ute fällt in ein schwarzes Loch, Bulimie ersetzt das Training, einhergehend mit schweren Depressionen. Sie wird in der Psychiatrie der Klinik Kreischa stationär behandelt.
Nach dem Abitur an der Sportschule möchte sie Psychologie studieren. Sie wird auf ein Lehrerstudium für Geschichte und Sport an der Pädagogischen Hochschule umgeleitet.
Nun ist sie Material für die DDR-Volksbildung: erst mit dem dritten Exmatrikulationsantrag läßt man sie gehen.
Sie absolviert eine Ausbildung in der Altenpflege, berufsbegleitend zur Krankenschwester. Diese Arbeit ist gut für sie.

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In Oral-Turinabol sind Stoffe enthalten, die Süchte provozieren, schwere psychischen Störungen hervorrufen und irreversible neuronale Schädigungen hinterlassen.
Ute Krause ist nicht geheilt. Immer wieder ereilen sie die Depressionen und Bulimie-Schübe. 20 Jahre benötigte sie, ihre Krankheit zu erkennen, zu benennen und mit ihr leben zu lernen. Im Jahr 2000 tritt Ute Krause als Nebenklägerin im DDR-Dopingprozess gegen Manfred Ewald und Manfred Höppner auf.
Sie heiratet Andreas Krieger, früher Heidi Krieger, erfolgreiche DDR-Kugelstoßerin. Beide engagieren sich für die Aufarbeitung des DDR-Zwangsdopings und die aktuelle Doping-Prävention.

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