„Walk of Sport“ Neubrandenburg – der DOH fordert die zur Ehrung vorgeschlagenen Sportlerinnen zu einem „offenen Umgang mit ihrer Geschichte“ auf

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Ehrung kommt von ehrlich


Es heißt auch: „Ehre, wem Ehre gebührt“.

In Neubrandenburg haben sie sich dafür die heimischen Leistungssportlerinnen und -sportler ausgeguckt, die dort zu Zeiten der DDR besonders erfolgreich waren. Ein „Walk of Sport“ ist bereits geschaffen worden, mit Gedenksteinen für die Kinder des SC Neubrandenburg. Die haben vollgepumpt mit schwer gesundheitsschädlichen Dopingmitteln und im harten Drill des DDR-Leistungssportes ihre Kindheit für die Ehre des Vaterlandes und die ihres Heimatvereines geopfert. Mehr oder weniger freiwillig und oft auch unwissend über das, was ihrem Körper angetan wurde. Die persönlichen Schmerzen sind durch die eingefahrenen Titel und Erfolge nicht oder oft nur scheinbar geheilt worden.

Es war nicht nur das: Anke, Katrin, Grit und ihre „Spielkameradinnen und -kameraden“ wurden zum Teil eines Staatsplan gesteuerten gigantischen Betrugssystems gemacht, das die hehren Ziele der Olympischen Bewegung eines sportlichen und damit auch gesellschaftlichen Fair Plays auf den Kopf gestellt hat. Für manches im Sportbetrug benutzte Kind war es dann auch kein moralisches Hindernis mehr, sich auch noch als Spitzel für den Vorbild gebenden Staat herzugeben. Gelernt ist eben gelernt.

Es ist zu lesen, dass die Neubrandenburger Bevölkerung zum großen Teil den „Walk of Sport“ unterstützen würde. Im Schein von noch immer geputzten Dopingmedaillen ist es auch schwer, ein kritisches Verhältnis zur eigenen Geschichte zu entwickeln. Das war im Nachkriegsdeutschland auch nicht anders.

Zeitzeugen sind für ein realistisches Geschichtsverständnis und vor allem dafür wichtig, dass sich Irrwege nicht mehr wiederholen. In oft auch schonungsloser Aufdeckung der eigenen fragwürdigen Beiträge können Zeitzeugen einen Prozess des Lernens und des „Nie wieder so“ unterstützen oder sogar auslösen.

Die vielen Opfer des DDR-Dopingsystems, die mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung zur Aufklärung beitragen, sind solche wertvollen Zeitzeugen. Die haben in ihrem öffentlichen Bekennen zur eigenen Doping-Vergangenheit, dem dadurch sich selbst nicht schonenden in Frage stellen der eigenen sportlichen Erfolge, dem Überwinden oder Aushalten von Widerständen oft im unmittelbaren Nachbar- und Freundeskreis alle Ehre verdient.

„Züchten wir Monstren“ hat die ehemalige, im Osten geborene Westdiskuswerferin und spätere Buchautorin Brigitte Berendonk bereits 1969 in einem Artikel der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ angesichts des ihr in Mexico bei der Olympiade sichtbaren Muskelzuwachses und der Vermännlichung ihrer Ostkonkurrentinnen gefragt.

Sport soll nach unserem jedenfalls heutigen ehrlichen Verständnis die Gesellschaft positiv formen: „Spaß haben, Trainieren, Lernen, Respektieren, Konkurrieren“. lohnende Anstrengung also, mit dem Ziel mündig und im schönen Wort „anständig und ehrlich“ heranwachsender Kinder.

Es ist dafür auch im jetzt Altwerden nie zu spät.

„Wir vom Doping-Opfer-Hilfe Verein rufen deshalb Anke, Katrin, Grit und all den anderen Mut zu, Euch jetzt offen und ehrlich zu Eurer Geschichte zu bekennen. Werdet dadurch Vorbild gebende Zeitzeugen.“

Das gilt auch für all diejenigen Neubrandenburger, die sich heute noch im verengten Blick auf Titel und Medaillen dem geboten offenen Umgang mit ihrer Geschichte entziehen.

Wie gesagt: In Ehrung steckt ehrlich, steckt Mut sich zur Wahrheit zu bekennen.

Ein Walk für ehrlichen Sport in Neubrandenburg wäre Klasse und hätte alle Ehre verdient.

 

Dr. Michael Lehner

Vorsitzender des Doping-Opfer-Hilfe Verein

>>> Link dazu zum FAZ Beitrag von Anno Hecker <<<

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